Kurzer Rückblick auf 10 Jahre Bestehen der Neuburger Tafel

von Pfarrerin Dr. Anne Stempel-de Fallois im Juni 2010

 

Liebe Mitarbeitenden, Kunden, Vereinsmitglieder und Förderer der Neuburger Tafel, liebe Festgäste!

 

Hoffnung! Das war nicht nur das Motto des 2. Ökumenischen Kirchentages in München vor einem Monat.

„Unsere Hoffnung ... Welche eine Botschaft! Aber das Unwahrscheinliche geschieht immer wieder: Menschen glauben daran. Menschen leben davon. Menschen sterben damit.“ Schreibt Wolfgang Birk, der unvergessene kath. Seelsorger in Predigten und Rundfunkbeiträgen in seinem Buch „Offen für die Menschen. Offen für Gott“, S. 33.

Und weiter heißt es da: „Wenn ich abends durch die Straßen gehe und in die erleuchteten Fenster schaue, die strahlenden Lampen sehe, die ruhige Ordnung der Bücherregale – mir kommt es vor, als wohne hinter den Fenstern das Glück. Wie gut ist es, so geborgen und warm, so friedlich zu leben. Aber ich weiß auch, dass dieses Bild nur die halbe Wahrheit ist. Die Lichter mögen hell sein. Die Dinge mögen ihre Ordnung haben, ihren Sinn. Bei den Menschen, die dort wohnen, sieht es manchmal ganz anders aus.

Wir brauchen nicht an ferne Krieg zu denken, um Menschen in Leid ausfindig zu machen. Das alles lebt auch in unserer Mitte. Verborgen zumeist. Aber darum nicht weniger schmerzlich. Manchmal das Glück. Aber häufiger die Angst und Qual. Die Enttäuschung. Die Mutlosigkeit.

Wenn wir nur jemanden hätten, der uns die Nachricht überbringt: Fasse Mut! Hab´ Vertrauen!

 

JA zur Hoffnung, etwas Sinnvolles und Gutes für Neuburg tun zu können.

JA, sagten am 29.3.2000 (vgl. Fotos im Ordner von Erica Benecke), der Gründungsversammlung der ND-Tafel und am 15.6.2000 (1. Ausgabe im Brüdergarten), der „Vater“ der ND-Tafel, Karl-Heinz Wunderlich, und mit ihm Ursula Schmitt, die „Mutter“ der ND-Tafel, und ein starken Team ehrenamtlicher Kräfte.

JA sagte der Pensionär seit 1993 und Staffelfeldwebel der 1./JG 74 M, Vorstandsmitglied in der Unteroffiziers-Gemeinschaft und der Mölders-Vereinigung und seit November 2000 1. Vorsitzender der ND-Tafel. Karl-Heinz Wunderlich ist seitdem völlig uneigennützig tätig und hilft grenzenlos und konkret, der Umzug in die neuen Räume Am Schwalbanger 7a bringt uns das glasklar vor Augen! Mit Hoffnung! Auch wenn manche Stolpersteine und Enttäuschungen ihn immer wieder begleiten. Die ND-Tafel wird zur „Vorzeigetafel“. Dieses Kompliment traf die Region „Süddeutsche Tafeln“, als sie sich am 20 Mai 2010 im Gemeindehaus der ev. Apostelkirche traf.

Wunderlich arbeitet bis die Füße und der Rücken vor Schmerz nicht mehr wollen, der Kopf brummt und die Nerven strapaziert sind. Dabei läuft der Alltagsbetrieb weiter: Unvorstellbar. Unglaublich: (Wolfgang Birk) „Wenn wir nur jemanden hätten, der uns die Nachricht überbringt: Fasse Mut! Hab´ Vertrauen!“

Jede Woche werden 650 Menschen mit Lebensmitteln versorgt – trotz Umzug. Circa 55 Aktive helfen insgesamt in der Tafel, damit das Getriebe rund läuft.

Das ist das Lieblingsbild von Karl-Heinz Wunderlich: Er vergleicht die ND-Tafel stets mit einem großen Getriebe, das viele Rädchen hat und eines greift ins andere. Kein Rädchen darf fehlen, die Reinigungskraft nicht, der Fahrer nicht usw. und „Mutter und Vater“ der ND-Tafel nicht.

Die „Mutter“ der ND-Tafel, Ursula Schmitt, gelernte Krankenschwester und zuletzt Stationsleiterin der Psychiatrie im Ingolstädter Klinikum mit großer Verbundenheit und engem Kontakt zu den Ordensschwestern der St. Elisabeth-Kliniken Neuburg lebt ebenfalls für die ND-Tafel. Die Sorge um den Nächsten ist für Schmitt Lebensaufgabe. Die ND-Tafel lebt von ihrem unermesslichen stundenlangen Einsatz, ca. 5 Tage in der Woche, von ihrem Organisationstalent und Überblick und Haushaltung der Finanzen. Auch sie ist ein Vorbild an Aufopferungsbereitschaft für den Nächsten, Gutmütigkeit und Langmut.

Die Erinnerungen an das Jahr 2000 sind vielfältig und die Wandlung der ND-Tafel von den einfachen Anfängen zur Vorzeigetafel ist ein Beweis für Lebensmut und konkrete Hoffnung. Ich möchte nur herausgreifen, wie kompliziert sich die Arbeit im Brüdergarten, den ersten Räumlichkeiten gestaltete.

Oben lebte eine 90jährige Dame, die alles mitbekam und sich wunderte, dass plötzlich so viel Betrieb im Haus herrschte. Der Ölofen stank, man konnte sich daran seinen Hintern verbrennen und die Vorstandssitzungen tagten meistens in der kalten und vom Ofen stinkenden „Küche“! Eine steile Kellertreppe musste gemeistert werden, um die Lebensmittel hoch- und herunterzuschleppen. Die Kisten verrutschten, im Dreck und Sumpf im Hinterhof versanken die anliefernden Autos und Pflanzen, z.B. eine Ackerwinde, konnte an der Leiste im Innenraum frei empor ranken.

ABER: Mutter und Vater der Tafel sowie das ehrenamtliche Team waren schon damals dankbar für die günstige Miete und eine Unterkunft. Sie wurden nie hoffnungslos!

Die ND-Tafel sammelte und transportierte eifrig Lebensmittel, verschaffte sich zusätzliche Lagerräume, musste den Diebstahl des ND-Tafel-Fahrzeuges im letzten Jahr verkraften, managt Personalangelegenheiten, hält Kontakt zu der Bundes-Tafel, den Nachbar-Tafeln, zu den Spendern und Sponsoren und versuchte immer wieder die Öffentlichkeit auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen und neue Mitarbeitende zu gewinnen und dieses Jahr belohnte sie ihre Mitarbeitenden sogar mit einem Betriebsausflug nach Bamberg.

Das Jahr 2010 ist das Jahr gegen Armut! Zum Auftakt des Europäischen Jahres gegen Armut hatte im Februar 2010 die Bundessozialministerin Ursula von der Leyen dazu aufgerufen, Anstrengungen gegen die Kinderarmut zu verstärken. Auch das leistet die ND-Tafel. Der Sprecher der Nationalen Armutskonferenz, Wolfgang Gern, wies darauf hin, in Deutschland seien 14 Prozent der Menschen von Armut bedroht. Die Zahl steigt. DIAKONIE fordert mehr Teilhabe (vgl. Zeitungsartikel „Informationen aus der bayerischen Diakonie“).

Trotzdem haben die Bundestagsabgeordneten deutschlandweit bisher nicht auf die Bitte reagiert, die Tafeln von der KFZ-Steuer zu befreien oder die GEZ-Gebühren zu erlassen. Stattdessen werden Harz-IV-Empfänger im Sprachgebrauch mit Schmarotzern nahezu gleichgesetzt, die lassen es sich doch gut gehen auf Kosten der anderen?! Nicht nur Guido Westerwelle sollte das Wort „Hartz-IV-Empfänger“ nicht schlecht machen, er und auch ich, wir müssen diese Not – Gott sei Dank – nicht durchleben. Aber die ND-Tafel kennt sie!

So rollen immer wieder Steine in den guten und hoffnungsvollen Weg der ND-Tafel. Ich möchte Karl-Heinz Wunderlich und Ursula Schmitt, stellvertretend für alle Mitarbeitende, eine Schale mit Steinen überreichen. Es sind Hoffnungssteine, die von Aids betroffene Kinder in Namibia gesammelt haben. Im 1. Petrusbrief, Kapitel 2, Verse 1-10 heißt es:

 


 

Die ND-Tafel baut ein Haus aus lebendigen Steinen. Wenn du in Zukunft an einen Punkt kommt, wo du am liebsten alles hinschmeißen würdest, dann nimm einen Hoffnungsstein zur Hand. Nimm ihn zum Anstoß, um über dein Leben nachzudenken. Mit dem Stein in der Hand kannst du Gutes bauen, Brücken und Häuser, lebendige Gemeinschaften, Stützmauern und Pfeiler. Mit dem Hoffnungsstein in der Hand kannst du Gott um Frieden bitten, da wo Steine fliegen. Du kannst um Einheit bitten, wo Stolpersteine die Verständigung verbauen und du kannst beten:

 

Auch in meinem Leben ist nicht alles glatt und hell: Da sind raue und dunkle Seiten: meine Unzufriedenheit und mein Ärger, den andere zu spüren bekommen.

„Gott, manchmal kommt mir mein Alltag vor wie das Leben des Sisyphus.

Jeden Tag rolle ich die gleichen, schweren Steine bergauf.

Und kaum habe ich es geschafft, oben anzukommen,

rollt der Stein wieder hinunter,

und ich stehe daneben, mit hängenden Schultern,

denn ich kann ihn nicht aufhalten.

Alles war vergeblich und umsonst,

der Optimismus, die Kraft und die Hoffnung

gehen verloren und zerspringen wie Steine.

Gott., hilf mir, die Steine immer wieder hinaufzurollen,#

Die immer gleichen Steine meines Alltags,

die immer gleichen Routinearbeiten,

die immer gleichen Mühen,

den immer gleichen Ärger,

im Beruf, in Ehe und Familie, im Haushalt.

Lass nicht zu, dass mich diese Steine überrollen

und ihr Hinaufrollen mich mutlos macht.

Gib meinem Mühen einen Sinn.“ AMEN

 

„Leben wie Sisyphos“ aus: Ursula Klauke/Norbert Brockmann, Angedacht. Materialien für Gruppenarbeit und Gottesdienst, Mainz 1997, S. 186

 

Fürbitten aus:

Ökumenischer Gottesdienst am 15.5.2010 in St. Maximilian, München zum 2. ÖKT „Fair teilen statt sozial spalten“

 

Biografisches und Wissenswertes zu Karl-Heinz Wunderlich und Ursula Schmitt:

Aus: MAIL von Anne Stempel-de Fallois an das Landratsamt, z.Hd. Frau Johanssen, am 19.6.2009


Pfarrerin Dr. Anne Stempel-de Fallois
Ev.-Luth. Apostelkirche
Kirchengemeinde Deutschlands durch chrismon
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Tel.: 08431/2429 (DIENST)
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